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Im Zentrum Statt am Rand

Urs Sauer, 44-jährig, sollte es mit etwas Leim auf seinen Fussballschuhen versuchen.  Vielleicht liesse sich der Ball dann besser bändigen und folgte seinem Diktat, statt umgekehrt, wic es an der Fussball-WM der Obdachlosen in Graz der Fall ist.

Sauer ist Captain des Schweizer Teams, das bis letzten Samstag in Graz bei der ersten Obdachlosen-WM um den Titel gekämpft hat. Leider erfolglos, weil auch Sauers sieben Teamkollegen, allesamt Verkäufer des Schweizer Strassenmagazins “Surprise”, mit dem Ball nicht allzu viel anzufangen wissen. Und weil ein Grossteil der Konkurrenz aus 17 Ländern nicht wie die Schweizer mit einer Senioren-Equipe (Durchschnittsalter 37), sondern mit jungen Kräften angereist war.
Aber was solls? Siege sind bei der Obdachlosen-WM zweitrangig, zumindest vom Spielfeldrand aus betrachtet. Das Ziel der Organisatoren von International Network of Street Papers, cinem internationalen Verbund von Strassenzeitungen, heisst Integration durch Sport.

IN GRAZ DIENT KÖNIG FUSSBALL als Mittel zum Zweck. Er schafft gegenseitiges Verständnis zwischen Randständigen, “excluded people”, und in der guten Gesellschaft Eingebetteten, “included people”. Während sieben Tagen stehen die Ausgegrenzten im Zentrum des öffentlichen Interessens und nicht wie üblich vergessen auf der Verlierer-Seite. Die Freude der Teilnehmer, mit Obdachlosen aus anderen Ländern in Kontakt zu kommen, im Fokus der Medien zu stehen und den harten Alltag für einmal aussen vor zu lassen, überwiegt den Ärger über Niederlagen und verpatzte Dribblings.
Gleichermassen begeistert sind auch Profi-Fussballer, Manager und Vertreter grosser Organisationen wie Uno und Uefa. Für die Obdachlosen-WM leisteten sie sportlichen und finanziellen Support. Medien aus aller Welt fuhren mit 25 Kamerateams auf dem Austragungsplatz vor dem Grazer Rathaus auf. Sir Alex Ferguson, Trainer von Manchester United, stellte bei einem Qualifikations-Turnier das englische Team persönlich zusammen und holte die Obdachlosen ins Trainingslager zusammen mit ManU.

Urs Sauer betritt eine Stunde vor dem Spiel gegen die Slowaken den Platz in der Innenstadt. Motiviert bis in die Zehenspitzen. Bemüht um Wiedergutmachung. Denn die letzten fünf Spiele endeten in Niederlagen. Die Slowaken seien die einzige besiegbare Mannschaft, glaubt Sauer. Die Gunst des Publikums hat er indes schon vor dem Kickoff gewonnen. Seit er beim Einmarsch zur Eröffnungsfeier mit einer Kuhglocke Aufmerksamkeit erregte, ist er Blickfänger. Seines buschigen Barts und der ungezähmten Mähne wegen wird er denn auch Paul Breitner gerufen.

Kaum tritt er in Erscheinung, wird er von TV-Kameras und Fotografen umringt. In Graz Iäuft er immer mit der umgebundenen Schweizer Fahne herum. Ein grosser Fussballfan? “Wenn im Fernseher ein Fussballspiel kommt, dann schalte ich immer um.” In Graz spielt er zum ersten Mal. Er interessiert sich sonst für Laufsport. Wenn er Iäuft, vergisst er den Alltag. Ein Alltag, der sich oft im Bahnhof in Basel abspielt, in dem er seine Magazine verkauft. Der gelernte Autolackierer aus Bern arbeitete lange Zeit als Fassadenmonteur und Dachdecker auf Montage. Die Stelle bei einer Autogarage in Pratteln BL war seine letzte. Er zerstritt sich mit einem Mitarbeiter und kündigte, ohne einen neuen Job in Aussicht zu haben. Seither ist er auf die Sozialhilfe angewicsen. Am liebsten möchte der Lebenslustige bei der Stadtgärtnerei arbeiten.

Doch jetzt steht das Spiel gegen die Slowakei an. Sauer führt das Schweizer Team auf den Platz. Standing Ovations der über 1000 Zuschauer. Dank dem Verlierer-Bonus und wegen der fairen Spielweise avancierten die Schweizer zu Publikumslieblingen. Doch mit dem Anpfiff ist Schluss mit Freundlichkeit. Der slowakische Gegenspieler von Urs Sauer kracht in die Banden. Der Schiedsrichter richtet von seinem Tennis-Hochsitz am Spielfeldrand mahnende Worte an den energischen Sauer. In der dritten Minute fällt das 1:0 fiir die Slowaken. Die Schweizer wehren sich gegen die Niederlage. Auf der Tribüne rollt die Welle. Nach dem Ausgleichstreffer schwinden die Kräfte der Schweizer. Die Slowaken gewinnen mit 9: 1.

Urs ist sauer. Die anderen seien schuld. Sie hätten sich nicht genug angestrengt und seien auf dem Spielfeld nur herumgestanden, tobt er mit rotem Kopf. Vor lauter Wut will er beim nächsten Spiel nicht mehr antreten. Nach einigen Zigaretten ist sein Ärger verraucht. Sauer wird auch gegen die USA wieder dabei sein.

BEI ANDEREN TEAMS werden Niederlagen schwerer weggesteckt. Der Brasilianer Daniel da Silva aus den Favelas von Rio de Janeiro bekräftigt, dass alles andere als der Gewinn des WM-Titels eine Enttäuschung wäre angesichts des Potenzials, das die jungen Brasilianer haben. Sie haben alle Aufnahme in grosse Fussballschulen ihres Landes gefunden. lm Vergleich mit dem leichtfüssigen Spiel der Konkurrenten aus Rio muten Sauer und seine Kollegen an, als würden sie mit jedem schwerfälligen Schritt nur den Ball misshandeln wollen.

Für die Schweizer bedeutet das Turnier eine Abwechslung zum Alltag. Die Brasilianer dagegen verbinden damit die Hoffnung, der ausweglosen Armut ein Schnippchen zu schlagen. Die Obdachlosen-WM soll nur eine Etappe auf dem Weg zum Profi in Europa sein. Allerdings betont Organisator Harald Schmied: “Es ist nicht Ziel, dass die Spieler der Obdachlosen WM den Sprung in den Profifussball schaffen. lch will bei der nächsten Austragung aber auch nicht mehr die gleichen Spieler sehen. Sic sollen bis dann wieder Teil ihrer Gesellschaft sein.”

England nimmt die Vorreiterrolle beim Strassenfussball cin. Seit 2001 tragen dort die Obdachlosen-Teams eine Streetsoccer Meisterschaft aus. jetzt sollen auch andere Länder nachziehen. In der Schweiz existieren noch keine konkreten Vorschläge. Doch Joseph Zindel, Pressesprecher des FC Basel, verspricht, dass ein solches Projekt mit der Unterstützung der Bebbi rechnen könnte.

INTEGRATION DURCH SPORT, dieses Vorhaben ist in Graz gelungen. Niemand hat es besser gemacht als die österreichischen Gastgeber und ihr Team, in dem ausschliesslich afrikanische Asylbewerber spielten. Die Aufstellung sorgte anfangs fiir Skepsis. Doch rnit ihren leidenschaftlichen Auftritten eroberten die Austro-Afros die Herzen der Österreicher im Sturm. Die “Kleine Zeitung”, das Grazer Lokalblatt, förderte den Hype um die Lieblinge mit Posters, die wie warme Semmeln weggingen. Die Ausgegrenzten wurden zu Stars und ihre Autogramme nach dem Titelgewinn vom letzten Samstag noch begehrter. Normalerweise dürfen sie nicht mal arbeiten, nun sind sie die Helden der Nation. Vertreter der Grünen Partei Österreichs fordern sogar die sofortige Einbürgerung der Obdachlosen - wegen aussergewöhnlicher Leistungen zum Wohle des Landes.
Urs Sauer verkauft wieder “Surprise” im Basler Bahnhof. Eine Einbürgerung braucht er nicht. Für ihn wäre eine Stelle bei der Stadtgärtnerei die schönste Überraschung.

erschienen im Nachrichtenmagazin facts