
Bild: Christian Heidorn
Leipziger Olympia-Kandidatur vor dem Aus?
Als am 12. April dieses Jahres die Leipziger Kandidatur für die Olympischen Spiele 2012 feststand, feierten Tausende auf dem Leipziger Markt den Erfolg. Die Mitglieder der Leipzig 2012 GmbH, allen voran der Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee, wurden als Helden verehrt. Die Kandidatur zum zweiten „Ost-Wunder“ nach der Wende von 1989 hochstilisiert. Doch mittlerweile ist die Euphorie der Ernüchterung gewichen.
Angefangen hat alles damit, dass dem Geschäftsführer der „Leipzig 2012“ GmbH Dirk Thärichen am 18. Oktober 2003 wegen unregelmässiger Geschäftsführung gekündigt wurde. Zudem sah er sich mit dem Vorwurf der Stasimitarbeit konfrontiert. Wenig später wurde der sächsische Olympia-Staatssekretär abberufen, weil er seiner Gattin einen unsauberen Provisionsvertrag mit der städtischen Verwaltungsgesellschaft zuspielte. Doch am letzten Freitag kam es zum Eklat. Deutsche Zeitungen enthüllten, dass der Leipziger Olympiabeauftragte und Vertrauensmann von Oberbürgermeister Tiefensee, Burkhard Jung, Provisionszahlungen aus öffentlichen Geldern in der Höhe von fast 150'000 Euro an eine Beraterfirma überwies. Dies und verschiedene Anzeichen der Vetternwirtschaft liessen beim Nationalen Olympischen Komitee (NOK) die Alarmglocken schrillen. Am Wochenende wurden beim Olympia-Gipfel des deutschen Sportes deutliche Worte gesprochen. Und erstmals stand auch Tiefensee im Kreuzfeuer der Kritik. Er musste sich den Vorwurf gefallen lassen, nicht frühzeitig genug die Integrität seiner Führungsleute überprüft zu haben. Denn, das pikante an der Sache: Alle Skandale wurden von der Presse aufgedeckt.
Tiefensee ist sich der prekären Situation bewusst und hat „schonungslose Aufklärung“ versprochen. Auch die Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen schon im „Fall Jung“ und der NOK-Chef Klaus Steinbach hat gedroht, dass „der nächste Skandal das Ende der Leipziger Olympia-Bewerbung“ sein wird.
Ein tiefer Sturz der Bewerbung. Galt es doch im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) schon als abgemacht, dass man der Kandidatur von Leipzig, in den Vorausscheidungen im nächsten Frühling, zumindest das Weiterkommen in die Endrunde ermöglichen will. Als Konkurrenz zu den pompösen Bewerbungen von New York, London oder Paris, wollte man zeigen, dass auch kleine und übersichtliche Kandidaturen eine Chance haben. Denn Leipzig entspräche durchaus den Plänen des IOC’s, die Olympischen Spiele in ihrem Gigantismus zu redimensionieren.
Doch mit diesen Finanzskandalen haben die Leipziger den Dolch noch tiefer in die Finanzwunde des IOC gebohrt. Nach den Korruptionsskandalen innerhalb des IOC’s und in Zusammenhang mit den Spielen von Salt Lake City 2002, achtet das Komitee jetzt besonders auf saubere finanzielle Strukturen. Denn schliesslich würde der Austragungsstadt Leipzig rund eine Milliarde Euro überwiesen. Geld, das die Weiterentwicklung der Stadt und der gesamten neuen Bundesländer voranbringen soll. Mit einem Entwicklungssprung von rund 10 Jahren rechnen die zuständigen Politiker.
Jetzt hoffen sie, dass der Skandal ausserhalb des Landes nicht so stark wahrgenommen wird. In dieser Hoffnung unterstützt sie der Schweizer Präsident des Internationalen Ski-Verbandes, Gian Franco Kasper, der die Skandale als „innerdeutsches Problem“ bezeichnete. „Ich glaube nicht, dass das international eine Rolle spielt."
Auch wenn die Politiker, wie etwa Innenminister Otto Schily, der die Olympischen Spiele „ungeachtet aller Hürden“ nach Deutschland holen will, weiterhin Durchhalteparolen und Zuversicht verbreiten, so hat ein Teil der Bevölkerung doch die Hoffnung verloren. Die ersten Leipziger haben dieser Tage begonnen, die Olympia-Kleber auf ihren Autos zu entfernen.verfasst, 10.November 2003, erschienen im "Zürcher Oberländer"